Schöne Aussichten für Newcomer Xiaomi

MIT EINER TOPKAMERA BIS GANZ NACH OBEN

Xiaomi war bisher ein Geheimtipp für Sparfüchse. Mit dem Vierfach-Kameramodell Mi 10 Pro schließt der chinesische Hersteller nun zur Spitze der smarten Fotografie auf.

Gaben bei Android-Geräten in den vergangenen Jahren vor allem Huawei und Samsung den Ton an, muss man sich derzeit verstärkt an neue Marken gewöhnen. Eine weitere Generation fernöstlicher Herausforderer mischt die Spitzengruppe auf. Neben OnePlus und Oppo zählt dazu auch Xiaomi. Der chinesische Hersteller ist in seinem
Heimatland bereits ein führender Player. Jetzt will er auch in Europa ganz nach vorn.

In Sachen Bildqualität gehört Xiaomis Flaggschiff zum Besten, was der Smartphone-Himmel derzeit hergibt.

 

Tophardware für 1.000 Euro
Xiaomi bedeutet auf Chinesisch „kleiner Preis“ und machte seinem Namen in Deutschland bisher alle Ehre. Mit dem Mi 10 Pro hat der Hersteller nun erstmals ein Flaggschiff-Modell in petto, das an der 1.000-Euro-Marke kratzt. Den Rechentakt gibt der Spitzenprozessor Snapdragon 865 vor, unterstützt durch einen 8 GB leistungsstarken Arbeitsspeicher vom Typ LPDDR5. Der Betrieb von Android 10 mit der Oberfläche MIUI 11 ist für diese potente Hardware erwartungsgemäß keine Herausforderung. Selbst aufwendige Bildbearbeitung bringt sie nicht an ihre Grenzen. Ihre Daten verstauen Nutzer auf 256 GB Flashspeicher vom schnellen Typ UFS 3.0. Ein Kartenschacht zur Speicherplatzerweiterung fehlt leider.
Daten funkt das Xiaomi-Gerät auf Wunsch mit den modernen Standards Wi-Fi 6 und 5G – wobei diese Ausstattung mangels Router und Netzabdeckung eher noch eine Investition in die Zukunft ist. Trotz der hungrigen Hardware bringt der 4.500-mAh- Akku Nutzer locker über den Tag. Mittels eines 65-Watt-Netzteils lässt sich ein leeres Mi 10 Pro in weniger als einer Stunde wieder volltanken. Fotos komponieren, sichten und bearbeiten Nutzer auf einem 6,67 Zoll großen Bildschirm mit Full-HD+, der mit maximal 1.200 Nit selbst für den Außeneinsatz hell genug leuchtet und mit einer Bildwiederholrate von 90 Hz butterweiches Scrollen ermöglicht. Wem das AMOLED-Display zu satt abgestimmt ist, der wechselt in den Einstellungen für mehr Farbtreue zu DCI-P3 oder sRGB. Mit dem fast rahmenlosen Display, den gekrümmten Rändern und abgerundeten Ecken sieht das Xiaomi Mi 10 Pro zwar anderen Flaggschiff-Smartphones zum Verwechseln ähnlich. Im Unterschied zu vielen Alternativen verzeiht aber dessen mattierte Glasrückseite Fingerabdrücke viel leichter und rutscht nicht aus der Hand.

 

Das Mi 10 Pro überzeugt mit einer schönen Detaildarstellung, die selbst mit herausfordernden Fellstrukturen klarkommt.

Zwei Telekameras und 8K-Video
Die Kameraabteilung ähnelt stark der Mittelklasse- Überraschung Mi Note 10, wurde aber im Detail sinnvoll verstärkt. Das 25-mm-Weitwinkel
(gerechnet auf KB-Format) der Hauptkamera belichtet mit Blende f/1,69 auf einen 1/1,33-Zoll- Sensor mit 108 MP, der aber standardmäßig vier Bildpunkte zu einem kombiniert und dadurch Bilder mit 27 MP ausgibt. Zwei Kameras schauen in die Ferne. Die kurze Teleeinheit vergrößert 2-fach auf 50 mm und belichtet die 12 Millionen Pixel des 1/2,6-Zoll-Sensors relativ lichtstark mit f/2. Die gleich lichtstarke, aber längere Teleeinheit erhöht die Brennweite auf 94 mm KB, begnügt sich allerdings mit 8 MP Auflösung auf einem 1/4,4-Zoll-Sensor. Für Ultraweitwinkelaufnahmen
ist eine 16-mm-Optik (f/2,2) vor einem 20-MPSensor (1/2,8 Zoll) zuständig. Xiaomi verzichtet beim neusten Modell auf eine separate Makrokamera. In der Brennweitenauswahl lässt sich aber mit der Makrofunktion die geringe Nahdistanz des Ultraweitwinkelobjektives für entsprechende Aufnahmen verwenden. Videos nimmt das Mi 10 Pro maximal in 8K bei 30p auf.

Farben reproduziert die Software weitestgehend angenehm neutral mit
leichtem Punch im Grünen.

Gut sortierte Kamera-App
Die umfangreiche, aber übersichtlich gestaltete Kamera-App erleichtert den schnellen Wechsel zwischen Festbrennweiten und Betriebseinstellungen. In den Vollautomatikmodi für Foto und Video sind alle Optiken verfügbar. Im Pro-Modus lassen sich RAW-Dateien mit der vollen Brennweitenauswahl, aber ohne Makrofunktion erstellen. Wer Bilder mit den vollen 108 Megapixeln oder im Nachtmodus aufnehmen möchte, begnügt sich mit der Hauptkamera. Der Porträtmodus aktiviert automatisch das kurze optische Tele. Neben der künstlerischen Hintergrundunschärfe lassen sich hier auch Studiolichteffekte simulieren. Dem Trend folgend, setzt Xiaomi stark auf Bildverbesserungsalgorithmen. Das Zuschalten der HDR-Automatik und KI-gestützten Szenenerkennung wirkt sich aber nur sehr subtil aus und ist an behutsam aufgehellten Schatten zu erkennen. Xiaomis standardmäßig aktiviertes Wasserzeichen stört, kann aber leicht deaktiviert werden.

Im Nachtmodus bei schwachem Licht geraten mitunter die Farben zu blass und der Weißabgleich zu warm. Das am Strand in Cuxhaven aufgenommene Bild wurde bereits mit Lightroom leicht korrigiert.

Bildqualität und Praxis
Im Vergleich zum Mi Note 10 hat Xiaomi deutlich an der Bildqualität und Performance gefeilt. Die JPG-Engine überzeugt mit akkurater Belichtung, natürlichen Hauttönen und einer schönen Detaildarstellung. Farben reproduziert die Software weitestgehend neutral, nur im Nachtmodus bei schwachem Licht geraten mitunter die Farben zu blass und der Weißabgleich zu warm. Rauschen hat das Xiaomi Mi 10 Pro exzellent im Griff, die Bokeh-Maske bei Porträts setzt die Software in der Regel korrekt. Mit der Hauptkamera von 27 zu 108 MP zu wechseln, erhöht die
an sich schon hohe Qualität nicht weiter. Im Gegenteil: Beim Pixelbinning zu bleiben, reduziert ausgefressene Spitzlichter und Farbsäume. Das 2-fache und 5-fache optische Telezoom können überzeugen. Erst ab 10-facher hybrider Vergrößerung lässt die Bildqualität spürbar nach.

Fazit
Das Xiaomi Mi 10 Pro ist derzeit eines der leistungsstärksten Smartphones – sowohl als Taschencomputer mit starker Rechenpower und brillantem Display als auch als variabel einsetzbares
Fotowerkzeug. Die Kameraausstattung und Bildqualität gehören zum Besten, was die Smartphone- Fotografie aktuell hergibt, die Auswahl der Brennweiten ist ein Genuss. Xiaomi ist in der Spitze angekommen und für ambitionierte Smartphone-Fotografen mehr als einen Blick wert