Wenn ein Witz Wahrheit wird

© Magnum Photos/Inge Morath Foundation/Inge Morath: A Llama in Times Square, NYC 1957

Bilder, die Geschichte schrieben

Das Verhältnis der Österreicher zum Thema Humor ist seit jeher ähnlich skurril wie ihr Verhältnis zu Tod oder Sterben. Der Wiener Psychoanalytiker und bekennende Witzesammler Sigmund Freud etwa meinte, dass das Lachen stets an die dunklen Triebe im Menschen appelliere.

In Freuds berühmtem Büchlein “Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten” heißt es, dass sich ein Witz für gewöhnlich wie ein verkleideter Priester generiere: Im Gewand belangloser Heiterkeit suche er einen heimlichen Lustgewinn. Die Fotografin Inge Morath, wie Freud mit reichlich Wiener Blut gesegnet, mag das ganz ähnlich gesehen haben; schließlich machte die Tochter aus gutem Hause zeitlebens Fotos, die mit eigentümlichem, oft derbem Humor gesegnet waren. Das vielleicht bekannteste entstand Ende der 50er-Jahre. Auf Vermittlung ihres österreichischen Kollegen Ernst Haas war die junge Fotografin zunächst nach Paris übersiedelt, wo sie in Kontakt zu der legendären Agentur Magnum kam; und wenig später dann war sie weiter nach New York gereist.

© Magnum Photos/Inge Morath Foundation/Inge Morath: A Llama in Times Square, NYC 1957

Im Auftrag des Magazins LIFE gelang ihr hier eine ihrer humorvollsten Ikonen: Mitten am quirligen Times Square schien Morath eine eigentümliche Begegnung gehabt zu haben: Aus dem Seitenfenster eines vorbeifahrenden Taxis hatte ein neugieriges Lama direkt in ihre Kamera hineingeblickt. Ein Foto mit Witz; ein verkleideter Priester. Als hätte sich die Österreicherin über das tierische Gebärden moderner Verkehrsteilnehmer lustig machen wollen – über das animalische Blöken, das in der westlichen Kultur bereits knapp hinter den verchromten Oberflächen lauern konnte. Doch schnell will dieser anarchische Witz verpuffen. Denn nichts an diesem Bild ist im Vorbeifahren entstanden. Es ging der späteren Ehefrau von Arthur Miller bei dem neugierigen Kamel nicht um einen “decisive moment” oder um den schnell aus der Hüfte geschossenen Schnappschuss. “A Llama in Times Square” ist von Anfang an perfekt inszeniert gewesen. Wie bei dem heiteren Slapstick eines Buster Keaton ist der ganze Witz der Szene hart erlitten: Schaut man sich Moraths Kontaktbögen an, so erkennt man, dass die 2002 verstorbene Fotografin das tierische Treiben auf ganzer Linie “gefakt” hatte. Tage zuvor bereits hatte sie andere Lama-Szenen ausprobiert: ein Lama am Hotelempfang oder ein Lama beim exquisiten Abenddinner. Erst hier aber, in dem fahrenden Taxi im Herzen der Stadt, entfaltete das Tier seinen vollendeten Witz. Publiziert wurde das Foto im Dezember 1957 übrigens zusammen mit Aufnahmen von posierenden Hunden, Katzen und Hausschweinen – Aufnahmen, die das angeblich spaßige Leben dressierter Zirkustiere belegen sollten. Vielleicht ist das der wirkliche Witz hinter Moraths Lama: In unserem derben Verlangen nach Lustgewinn halten wir schnell alles für wahr, was auch nur im Entferntesten lustig daherkommt.

Das Bild entstammt der Ausstellung “Inge Morath 1923-2002”, die noch bis zum 26. August im Verborgenen Museum in Berlin zu sehen ist.

Fotos: Inge Morath
Autor: Photographie.de