HERBST­AUKTION BEI WESTLICHT

Robert Capa (1913-1954): 'The Falling Soldier (Loyalist Militiaman at the Moment of Death)', Córdoba front, September 5th, 1936. Silbergelatine-Abzug, Vintage 12,4 x 18,6 cm. Rückseitig 'Black Star'-Stempel und diverse handschriftliche Notizen.

HERBSTAUKTION BEI WESTLICHT

144 000 EURO FÜR EINEN CAPA

Noch nie erzielte eine Fotografie im Wiener Auktionshaus WestLicht einen so hohen Preis: Mit 60.000 Euro startete die Versteigerung eines Abzug des Bildes “The Falling Soldier” von Robert Capa und endete mit sage und schreibe 144.000 Euro. Hier die faszinierende Geschichte dahinter …

Das erste Opfer des Krieges ist nicht die Wahrheit, das erste Opfer ist die Unschuld. Nichts verkörpert diese verhängnisvolle Einsicht besser als ein Foto, das dem Ungarn Endre Erno Friedman (der sich nach seinen ersten erfolglosen Gehversuchen als Bildreporter das Pseudonym Robert Capa gegeben hatte) an einem Septembernachmittag des Jahres 1936 in der Nähe des spanischen Dorfes Cerro Muriano gelungen war. Bereits wenige Tage später, am 23. September 1936, war es auf einer großen Einzelseite im Magazin VU erschienen. Daneben hatte der Verlag eine Werbeanzeige für Schuppenshampoo gestellt. Das Bildnis eines weiß gekleideten Soldaten im Moment seines Todes – und gegengeschnitten die Aussicht auf bessere Körperpflege. Es war die grausame Realität kurz vor Erreichen des europäischen Abgrunds.

Capas Bild eines unbekannten sterbenden Soldaten jedenfalls sollte binnen kürzester Zeit zur Antikriegsikone werden. Bis heute ist die schwarz-weiße Aufnahme des späteren Magnum-Mitbegründers die vermutlich bekannteste politische Fotografie der Welt. “Schnellen Schrittes gegen den Wind, das Gewehr umklammert, liefen sie durch ein abschüssiges Stoppelfeld. Plötzlich wurde ihr Lauf unterbrochen. Eine Kugel pfiff, eine brudermörderische Kugel – und ihr Blut wurde von der Heimaterde getrunken”, dichtete ein unbekannter Magazin-Redakteur seinen schwülstigen Text neben die aufrüttelnde Todesdarstellung. Es war ein Bild, das keinerlei Zweifel ließ: Dem begnadeten Nachwuchsfotografen Robert Capa war die endgültige Darstellung eines modernen “Leidensmannes” gelungen. Im Kampf gegen die Truppen Francos hatte der Reporter einen jungen Helden abbilden können, der sein Leben für eine vermeintlich bessere Welt gegeben hatte. Für eine solche Geschichte war der politisch links stehende Robert Capa in den Krieg gezogen. Bei genauerer Betrachtung aber war sie eine einzige Lüge: Der unbekannte junge Milizionär, dessen Ikonografie hier unweigerlich an Goyas berühmtes Gemälde “Die Erschießung der Aufständischen” erinnert, war nämlich nicht im Kampf gestorben, er war vielmehr das erste Opfer eines medialen Blutrauschs. Angeblich, so berichtet später Capas Biograf Richard Whelan, seien dem jungen Kriegsreporter die Szenerien hinter der Front schon nach wenigen Kriegstagen zu langweilig geworden. Im Ringen um spektakulärere Bilder soll Capa die jungen Soldaten gebeten haben, spannendere Posen für ihn zu vollführen: Schießen, Kämpfen, Niederwerfen. Während die Milizionäre also für Capas Kamera posierten, sollen faschistische Truppen auf das Treiben des Fotografen aufmerksam geworden sein. In jenem Moment, in dem sich der “Sterbende Soldat” in Szene setzte, fiel von jenseits des Bildrands der tödliche Schuss. Vielleicht also war es Capa selbst, der den Tod des Soldaten mit verursacht hatte. Der Moment, in dem die Fiktion auf die Realität trifft, ist in den meisten Fällen eben tragisch.

Fotos: Robert Capa
Autor: rh