„Fotografinnen an der Front“

Buch und Ausstellung bis zum 10. Juni – Aufrüttelnde Bilder

Entgegen der weitläufigen Vorstellung, die Kriegsfotografie sei ein von Männern dominiertes Berufsfeld, gibt es eine lange Tradition von in Kriegsgebieten tätigen Fotografinnen. Sie haben mit derselben Selbstverständlichkeit wie ihre männlichen Kollegen weltweite Krisen dokumentiert und unser Bild vom Krieg maßgeblich mitgeprägt.

Die Publikation „Fotografinnen an der Front“ präsentiert rund 120 Arbeiten von acht Fotografinnen aus den letzten 80 Jahren. Unter den Aufnahmen finden sich intime Einblicke in den Kriegsalltag und Zeugnisse erschütternder Gräueltaten ebenso wie Hinweise auf die Absurdität des Krieges und seiner Konsequenzen.

Das Buch wird begleitet von Beiträgen zweier Autorinnen, die sich eingehend mit dem Thema „Fotografinnen an der Front“ befasst haben: Anne-Marie Beckmann ist Kunsthistorikerin und Kuratorin. Ab 1999 hat sie die Fotografie-Sammlung und das Kulturelle Programm der Deutschen Börse verantwortet. Sie lehrt Fotografie an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Seit August 2015 ist sie Direktorin der Deutsche Börse Photography Foundation. Felicity Korn ist Kunsthistorikerin und Kuratorin. Sie war in der Abteilung Kunst der Moderne des Städel Museums von 2012 bis 2017 tätig. Seit Oktober 2017 ist sie Referentin des Generaldirektors am Kunstpalast, Düsseldorf.

Die Publikation entstand zur Ausstellung im Kunstpalast, Düsseldorf, die bis zum 10. Juni läuft. „Wir zeigen acht Fotografinnen mit acht unterschiedlichen Perspektiven auf den Krieg“, erläutert Felicity Korn, eine der beiden Kuratorinnen. „Jede von ihnen steht für ihren eigenen Stil. Die jeweiligen Herangehensweisen changieren zwischen der Wahrung sachlicher Distanz, unmittelbarer Direktheit und persönlicher Anteilnahme.“

Gemeinsam ist allen Werken, dass sie vorrangig für die schnelllebige Nachrichtenwelt geschaffen wurden. Jede der präsentierten Fotografinnen publizierte ihre Bilder in wichtigen Zeitungen und Magazinen. Die Wirkung und Bedeutung der Aufnahmen geht weit über das hinaus, was sie abbilden. „Es braucht Ausstellungen wie diese, um die großartigen Fotografien aus der Bilderflut der Medienlandschaft herauszufiltern“, erklärt Anne-Marie Beckmann, ebenfalls Kuratorin der Ausstellung. „Die Präsentation in einem Kunstmuseum bietet die Möglichkeit, sowohl die inhaltliche Dimension als auch die künstlerische Kraft der Aufnahmen hervorzuheben und auf sich wirken zu lassen.“

Vielerorts waren die Fotografinnen an vorderster Front im Einsatz und machten Aufnahmen von Kriegsgräueln, von Verwundeten und Leichen, die den Betrachter nicht schonen. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen erhielten sie häufiger Zugang zu Familien und Betroffenen, da sie nicht als Kriegsteilnehmer wahrgenommen wurden. Gegliedert ist die chronologisch aufgebaute Ausstellung in acht monographische Kapitel. Die Auswahl berücksichtigt Arbeiten von den europäischen Konflikten der 1930er- und 1940er-Jahre bis zu den jüngsten internationalen Kriegsgeschehen.

Bei der Zusammenstellung wurde darauf geachtet, dass die wichtigsten fotografischen Positionen vertreten sind und zugleich sehr unterschiedliche Kriegsgebiete aus den letzten 80 Jahren beleuchtet werden. Die deutsch-jüdische Fotografin Gerda Taro ergriff in ihren Bildern vom Spanischen Bürgerkrieg Partei für die politische Agenda der Republikaner und fotografierte für das noch junge Format der Kriegsbildberichterstattung in Illustrierten. Taro war die erste Kriegsfotografin, die im Einsatz umkam: Ihr tragischer Tod mit nur 27 Jahren erlangte internationale Aufmerk-samkeit. Dennoch geriet sie wenig später in Vergessenheit.

Im Auftrag des Modemagazins Vogue dokumentierte die amerikanische Kriegskorrespondentin Lee Miller die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Sie begleitete den Vormarsch der alliierten Truppen von der Normandie bis nach Süddeutschland. Miller gehörte zu den Bildberichterstattern, die direkt nach der Befreiung der Konzentrationslager Dachau und Buchenwald vor Ort waren. Zu den bekanntesten Fotojournalisten des Vietnamkriegs zählt die Französin Catherine Leroy, die die Nähe zu den kämpfenden Truppen suchte. Ihre Aufnahmen reflektieren, dass dieser Krieg erstmals über Fernsehbilder nahezu live in die Welt gesendet wird: Auffällig ist die oft szenische Anmutung von Leroys Fotografien, die an Filmstills erinnern.

Die im Elsass geborene Christine Spengler interessierte sich besonders für die Schicksale der einheimischen Frauen und Kinder und deren Versuch, ihr Leben hinter den Frontlinien weiterzuführen. In Spenglers Aufnahmen werden Einflüsse aus ihrer Auseinandersetzung mit Meisterwerken der Kunstgeschichte deutlich. So erinnert ihr Bildnis einer in der Westsahara fotografierten jungen Mutter, die im einen Arm ihr Kind, im anderen ein Maschinengewehr hält, an historische Madonnen-Porträts.

Françoise Demulder, die erste Gewinnerin des World Press Photo of the Year Award 1977, war oftmals an denselben Einsatzorten tätig wie Spengler und Leroy. Ihre Arbeiten bestechen durch Ruhe, Distanz und eine klar strukturierte Komposition. Für ihre Dokumentation des Aufstandes gegen das Somoza-Regime in Nicaragua wurde die amerikanische Magnum-Fotografin Susan Meiselas 1979 mit der Robert Capa Goldmedaille ausgezeichnet. Ihre Aufnahmen fielen in der zu dieser Zeit vorwiegend in Schwarz-Weiß gehaltenen Kriegsberichterstattung durch ihre Farbigkeit auf. Die Farbe ist in Meiselas’ Fotografien aus Nicaragua ein wesentliches kompositorisches Element, um die Geschehnisse und Stimmungen zu transportieren.

Farbigkeit bestimmt auch das Werk der Amerikanerin Carolyn Cole, die seit 1994 für die Los Angeles Times arbeitet. Meist kommt Farbe bei Cole monochrom und zurückhaltend zum Einsatz. Dass ihre mit einer Digitalkamera gemachten Bilder aus Liberia, Irak, Pakistan und Palästina nicht nur für die gedruckte Veröffentlichung, sondern auch für die Online-Berichterstattung vorgesehen waren, spiegelt sich in der Gestaltung wider, die ein unmittelbares Erfassen ermöglicht.

Die deutsche Fotografin Anja Niedringhaus war seit den 1990er-Jahren in Kriegs- und Krisengebieten tätig: vom Balkan bis zu den Kriegen im Irak, Afghanistan und Libyen. Besonders verbunden fühlte sich Niedringhaus der Zivilbevölkerung, deren schwierige Lebensumstände sie dokumentierte. Trotz der Unmittelbarkeit und Emotion, die ihre eindringlichen Bilder ausdrücken, wahren sie stets eine respektvolle Distanz. Am 4. April 2014 wurde Niedringhaus im Rahmen ihrer Berichterstattung über die Wahlen in Afghanistan innerhalb eines Stützpunkts der Sicherheitskräfte in der Provinz Khost erschossen.

2017 haben die Freunde des Kunstpalastes 74 Aufnahmen von Anja Niedringhaus für die Museumssammlung angekauft. Die Werkschau im Kunstpalast zeigt Bilder voller Sensibilität, Kraft und Menschlichkeit, die allesamt unter den widrigen Bedingungen des Krieges geschaffen wurden und deren Gültigkeit weit über die Begleitung von Nachrichten hinausreicht. Mit ihrem Gespür für Komposition und Perspektive ist es den Fotografinnen nicht nur gelungen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, sondern auch, dass das Auge trotz der erschütternden Thematik auf ihren Aufnahmen verweilt. Die Ausstellung wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und der Rudolf Augstein Stiftung.

Die Ausstellung präsentiert rund 120 Arbeiten von acht Fotografinnen aus den letzten 80 Jahren; vertreten sind Carolyn Cole (*1961), Françoise Demulder (1947–2008), Catherine Leroy (1944–2006), Susan Meiselas (*1948),  Lee Miller (1907–1977), Anja Niedringhaus (1965–2014), Christine Spengler (*1945) und Gerda Taro (1914–1937). Unter den Aufnahmen finden sich intime Einblicke in den Kriegsalltag und Zeugnisse erschütternder Gräueltaten ebenso wie Hinweise auf die Absurdität des Krieges und seiner Konsequenzen.

www.prestel.com
www.kunstpalast.de

Anne-Marie Beckmann; Felicity Korn (Hrsg.)
Fotografinnen an der Front
Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus
224 Seiten mit 163 Farbabbildungen
Pappband, 24,0 x 28,0 cm
€ 35,00 [D] / € 36,00 [A] / CHF 47,90
ISBN 978-3-7913-5863-5
Erscheinungstermin: 15. März 2019