Entwicklungshilfe
Rund hundert Regler und andere Bedienelemente steuern die verschiedenen Lightroom-Versionen im Entwicklungsmodul, und nimmt man die Einstellungen für die lokale Bildbearbeitung hinzu, sind es noch mehr. Zieht man unsystematisch mal an einem und mal an einem anderen Regler, entfernt man sich von seinem Entwicklungsziel bald mehr, als dass man sich ihm nähert.
Immerhin spielt es keine Rolle, in welcher Reihenfolge man die Entwicklungseinstellungen vornimmt, denn der Ablauf der Bildbearbeitungsschritte, in denen Lightroom Vorschaubilder und das am Ende exportierte Bild berechnet, ist immer derselbe. Entwicklungseinstellungen lassen sich auch jederzeit verlustlos zurücknehmen. Man kann also nichts falsch machen, aber es fehlt ein roter Faden durch die einzelnen Einstellungen, entlang dem man möglichst schnell zu der Bildanmutung gelangt, die einem vorschwebt.

Mehr Übersicht
Adobe hat versucht, den Wirrwar der Einstellungen übersichtlicher zu gestalten, indem sie zusammengehörige Regler jeweils zu einem Bedienfeld zusammengefasst haben. In Lightroom Desktop und den mobilen Varianten sind diese Bedienfelder wiederum in vier Gruppen aufgeteilt, die man abwechselnd einblendet. Lightroom Classic fasst alle Bedienfelder in einer langen Liste am (normalerweise rechten) Bildrand zusammen, so dass man scrollen muss, um alle zu erreichen, aber diese Liste ist konfigurierbar. Mit einem Rechtsklick in die Titelzeile eines der Bedienfelder und dem Menübefehl „Entwicklung-Bedienfeld anpassen …“ öffnen Sie ein Fenster, in dem sich die Reihenfolge der Bedienfelder verschieben oder ungenutzte Bereiche ausblenden lassen. Haben Sie dann eine bevorzugte Reihenfolge gefunden, in der Sie die Einstellungen vornehmen, können Sie sich die Benutzeroberfläche so konfigurieren, dass sie diese Reihenfolge direkt widerspiegelt.
Es gibt zwar nicht die eine, objektiv beste Reihenfolge, aber einige allgemein nützliche Empfehlungen. Von der hier vorgeschlagenen Vorgehensweise können und sollten Sie abweichen, wenn das Ihren Erfordernissen besser entspricht, aber sie hat sich bewährt und ist ein guter Ausgangspunkt, um eigene Erfahrungen zu sammeln.
Grundeinstellungen:
Die Tonwerte bändigen
In Lightroom Classic sind die „Grundeinstellungen“ sinnfällig benannt; in Desktop und den Mobilversionen finden Sie die Einstellungen unter „Bearbeiten“. Die verführerische erste Option dort ist, die Einstellungen automatisch vorzunehmen („Autom.“), aber die Ergebnisse befriedigen selten. Die Möglichkeit einer Schwarz-Weiß-Umwandlung („S/W“) und den HDR-Modus („HDR“) sind ein Thema für spätere Folgen dieser Reihe, und ebenso die Wahl des Profils.
Schauen Sie auf das Histogramm: Sind die Tonwerte gleichmäßig über die gesamte Breite verteilt, oder ballen sie sich bei den Schatten oder Lichtern? Ein Ungleichgewicht beseitigen Sie mit dem Regler „Belichtung“, der das Bild um ±5 EV aufhellen oder abdunkeln kann. Bekommen Sie keinen Schreck, wenn eine starke Aufhellung auch mehr Rauschen hervorholt, denn damit werden wir uns später beschäftigen.
Erst danach überprüfen Sie den Weißabgleich – in Lightroom Classic gehört er zu den „Grundeinstellungen“, während er in den anderen Versionen unter „Farbe“ zu finden ist. Die von der Kamera übernommene Einstellung wird oft schon richtig liegen; wenn nicht, klicken Sie mit der Pipette auf ein Bilddetail, das neutral (grau oder weiß) erscheinen soll. Alternativ ziehen Sie den Regler „Temperatur“ weiter nach links (mehr Blau) oder rechts (mehr Orange), bis die Farbanmutung im Vorschaubild stimmig wirkt. Der Regler „Tonung“ dient der Farbverschiebung zwischen Grün und Violett. Auf das Angebot einer Automatik im Weißabgleichsmenü verzichten Sie besser, aber die Menüoption „Tageslicht“ ist oft nützlich, um den Weißabgleich so effektiv auszuschalten: In Fotos von Feuerwerken oder Leuchtreklamen beispielsweise bleiben dann die tatsächlichen Farben erhalten.

Auch nach einer Korrektur mit dem Regler „Belichtung“ kann der Kontrast im Bild noch zu groß sein, was Sie an den im Histogramm oben links und rechts eingeblendeten Warnungen vor einer Beschneidung von Schatten und/oder Lichtern erkennen. Davon sind möglicherweise nur einzelne Farbkanäle wie Rot, Grün oder Blau betroffen, aber auch dann sollten Sie eingreifen, um feine Farbunterschiede zu bewahren. Vielleicht ist der Kontrast aber auch eher gering und die Tonwerte nutzen die Breite des verfügbaren Spektrums nicht aus. In beiden Fällen ignorieren Sie den sich anbietenden Regler „Kontrast“, da dieser zu grobschlächtig arbeitet.
Stattdessen ziehen Sie die „Lichter“ nach links, um helle Tonwerte so weit abzudunkeln, dass sie nicht mehr beschnitten werden, und „Tiefen“ nach rechts, um nötigenfalls die Schatten aufzuhellen. Zögern Sie nicht, hier bis an die Grenzen, also −100 beziehungsweise +100, zu gehen. Falls danach immer noch Lichter beschnitten werden, können Sie auch noch den Regler „Weiß“ ein wenig nach links verschieben. Eine zusätzliche Anhebung der tiefsten Schatten mit „Schwarz“ ist selten empfehlenswert, da nur wenig an Tonwertdifferenzierung zu gewinnen ist, das Rauschen aber verstärkt wird. Bei Bildern mit niedrigem Kontrast gehen Sie umgekehrt vor. Hier ist nun auch der Regler „Schwarz“ nützlich, um die Tonwerte in den Schatten nötigenfalls auf die gesamte Breite zu strecken.
Wenn Sie diese Schritte mit Blick auf das Histogramm ausgeführt haben und erst jetzt Ihr Ergebnis in der Vorschau betrachten, erscheint es Ihnen möglicherweise noch unbefriedigend. Nicht selten wirkt es zu flau, weil alle bildwichtigen Tonwerte im mittleren Bereich liegen. Die ersten Tonwertkorrekturen mit „Belichtung“, „Lichter“, „Tiefen“, „Weiß“ und gegebenenfalls „Schwarz“ verfolgten aber nur den Zweck, alle vom Sensor registrierten Tonwerte im Bild zu bewahren und dafür das volle Tonwertspektrum zu nutzen. Die Gestaltung der Tonwerte nach Ihren Wünschen erfolgt erst im nächsten Schritt.
Gestalten mit Licht und Schatten
Zunächst einmal ziehen Sie den Regler „Klarheit“ um 10 bis 20 Punkte nach rechts, um den lokalen Kontrast leicht anzuheben; bei Porträts müssen Sie allerdings vorsichtig sein, um etwaige Falten nicht unnötig zu betonen. Auch positive Werte von „Dunst entfernen“ erhöhen lokale Kontraste, aber zunächst einmal sollten Sie diesen Regler wirklich nur nach rechts schieben, um den Dunst in Landschaftsaufnahmen aufzulösen. Auch die Farbsättigung können Sie schon an dieser Stelle mit dem Regler „Dynamik“ verstärken – wohlgemerkt nicht mit „Sättigung“, da dieser Regler auch die Sättigung von Farben erhöht, die bereits stark gesättigt sind und dann an Zeichnung verlieren.

Zur weiteren Gestaltung der Tonwerte dient die „Gradationskurve“. Genau genommen gibt es fünf solcher Kurven, die parametrische Kurve, die Punktkurve und dazu noch drei separate Punktkurven für den roten, grünen und blauen Farbkanal, die Sie erst einmal ignorieren können. Die parametrische Kurve wird durch vier Regler für die Tonwertregionen „Lichter“, „Helle Mitteltöne“, „Dunkle Mitteltöne“ und „Tiefen“ gesteuert, was allzu extreme und das Bild verfälschende Manipulationen verhindert und daher für den Anfang vorzuziehen ist. Die Punktkurve können Sie mit in die Kurve gesetzten Punkten nahezu beliebig verbiegen. Allein die Punktkurve erlaubt, mit „Sättigung verfeinern“ den Einfluss der Gradationskurve auf die Farbsättigung zu verringern. Eine Kontrastanhebung mit einer Gradationskurve verstärkt auch die Sättigung, was nicht immer erwünscht ist, und bei Verwendung der parametrischen Kurve müssen Sie gegebenenfalls mit negativen Werten der „Dynamik“ gegensteuern. Alle fünf Gradationskurven addieren sich in ihrer Wirkung.
Mit dem Schwarzpunkt (unten links) und Weißpunkt (oben rechts) der Punktkurve (alternativ den Reglern „Tiefen“ beziehungsweise „Lichter“ der parametrischen Kurve) legen Sie die dunkelsten und hellsten Tonwerte des Fotos fest. Durch Verschieben eines Punkts in der Mitte der Punktkurve geben Sie dem Bild eine High-Key- oder Low-Key-Anmutung. Punkte zwischen Schwarzpunkt und Mitte beziehungsweise Mitte und Weißpunkt eignen sich, um die Helligkeit der dunklen und hellen Bildteile zu steuern; bei der parametrischen Kuve ist dies die Aufgabe der Regler „Dunkle Mitteltöne“ und „Helle Mitteltöne“. Meist genügt schon ein mäßiges Absenken der Schatten und eine leichte Anhebung der Lichter, um einem Foto die gewünschte Knackigkeit zu geben.
Darüber hinaus können Sie weitere Punkte – insgesamt 16 – für noch feinere Tonwertanpassungen in die Punktkurve einfügen. Achten Sie aber darauf, dass die Kurve von links nach rechts überall steigt. Verläuft sie stellenweise flach, gehen dort Tonwertunterschiede verloren, und wo sie abfällt, entsteht eine teilweise Umkehrung der Tonwerte. Als Verfremdung kann dies allerdings auch bewusst eingesetzt werden. In dieser Phase der Entwicklung sollte Ihr Augenmerk aber dem Bild gelten: Die freie Gestaltung der Tonwerte mit einer Gradationskurve kann Lichter und Schatten erneut über die Grenzen des Histogramms schieben, aber nicht jede so verlorene Tonwertdifferenzierung war auch bewahrenswert. Es kommt auf den Einzelfall an, der sich nur im Vorschaubild zeigt.
Details: Mehr Schärfe, weniger Rauschen
Im nächsten Schritt wenden wir uns dem etwas verwirrend mit „Details“ benannten Bedienfeld zu. Hier geht es um das Demosaicing und zusammengehörende Funktionen, also die Rekonstruktion vollständiger RGB-Pixel aus Sensordaten, die für jedes Pixel nur über eine Grundfarbe Auskunft geben. Die beiden fehlenden Farbkomponenten müssen aus Nachbarpixeln interpoliert werden, weshalb das Bild nach dem Demosaicing noch leicht unscharf ist und ein moderates Nachschärfen mit den vier Reglern unter „Schärfen“ erfordert. Aus dem Rauschen in den rohen Sensordaten wird beim Demosaicing Helligkeits- und Farbrauschen, die sich mit der „Manuellen Rauschunterdrückung“ bekämpfen lassen.

Nachdem Adobe neue, KI-basierte Demosaicing-Verfahren in die Raw-Entwicklung integriert hat (je eines für Sensoren mit Bayer-Farbfiltermuster und für Fujis X-Trans-Sensoren), ist eine herkömmliche Rauschunterdrückung weitgehend überflüssig geworden und auch das Nachschärfen hat an Bedeutung eingebüßt. Kreuzt man „Raw-Details“ an, wird das Demosaicing durch die KI-Variante ersetzt. Das nimmt zwar vielfach mehr Zeit in Anspruch, muss aber nur einmal ausgeführt werden, da sich Lightroom das Ergebnis merkt. Die KI wurde mit Myriaden von Fotos trainiert und rekonstruiert daher realistischere Strukturen mit einer höheren Auflösung und Schärfe. Mit „Entrauschen“ reduziert die KI gleichzeitig noch das Rauschen, wobei sich die Stärke des Eingriffs nachträglich ändern lässt. Bei nicht allzu hohen ISO-Werten reicht 25, und über 50 sollten Sie normalerweise nicht hinausgehen. Gegenüber der weiterhin verfügbaren Rauschreduzierung arbeitet das KI-Entrauschen effektiver und bewahrt die Detailzeichnung besser.
Die Standardwerte für das Nachschärfen reichen danach oft schon aus; das endgültige Nachschärfen für den jeweiligen Verwendungszweck geschieht ohnehin erst beim Export. Statt den „Betrag“ oder den „Radius“ zu vergrößern (womit Sie das Entstehen von Halos und anderen Artefakten provozieren), ist es empfehlenswert, den Regler „Details“ weit nach rechts zu ziehen. Lightroom wendet dann ein alternatives Schärfungsverfahren mit etwas besseren Ergebnissen an.
Die nächsten Entwicklungsschritte
Schon mit relativ wenigen Einstellungen erhalten Sie vorzeigbare Bilder. In der nächsten Folge gehen wir dann auf weitere Verfeinerungen, Korrekturen und Effekte ein. Außerdem werden wir zeigen, wie Sie bewährte Einstellungen als Presets speichern und die Regler für mehrere ähnliche Bilder gleichzeitig verschieben können – beides wird Ihre Arbeit erheblich beschleunigen.
Text & Bilder: Michael J. Hussmann
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