Serie Adobe Lightroom, Teil 1

Für den Workflow des Fotografen bietet Lightroom umfangreiche Bildbearbeitungsfunktionen bis hin zu einer KI-unterstützten Retusche.

Der RAW-Workflow mit Lightroom

Sicherlich kann ein Fotograf exzellente Aufnahmeergebnisse allein mit den JPEGs erzielen, wie sie die Kamera speichert. Argumente für einen Raw-Workflow konzentrieren sich meist darauf, dass in den Rohdaten des Sensors noch mehr Informationen als in den JPEGs enthalten sind und sie mehr Flexibilität und Reserven bei einer späteren Bearbeitung bieten, und das ist alles richtig – aber oft genug braucht man dieses Mehr gar nicht.

Der vielleicht wichtigste Vorteil der Raw-Entwicklung besteht vielmehr darin, dass diese Art der Bildbearbeitung letztlich einfacher und bequemer ist. Ein JPEG aus der Kamera mag im Einzel-fall bereits genau das Bild sein, das man aufzunehmen hoffte, aber sobald man anfängt, kleine Änderungen vorzunehmen (und sei es nur ein leichter Beschnitt oder eine behutsame Verbesserung des Kontrasts), bietet ein Raw-Konverter Vorteile. Nicht nur, weil er mit den Rohdaten arbeitet, sondern auch wegen seiner Arbeitsweise, die sich von klassischen Bildbearbeitungsprogrammen wie Photoshop unterscheidet. Deshalb kann Lightroom mittlerweile auch zur Bearbeitung von JPEGs oder TIFF-Dateien genutzt werden, denn das Funktionsprinzip eines Raw-Konverters bewährt sich selbst dann, wenn gar keine Rohdaten mehr zu konvertieren sind. Mit einem Raw-Konverter wie Adobes Lightroom kann man zwar ganz ähnliche Ergebnisse wie mit beispielsweise Photoshop erzielen, aber auf eine völlig andere Weise.

Gängige Anwendungen zur Bildbearbeitung arbeiten mit RGB-Bildern, wobei jeder Bearbeitungsschritt deren Pixel verändert. Hat man beispielsweise sieben Änderungen vorgenommen und möchte den zweiten Schritt im Nachhinein weglassen oder modifizieren, muss man zunächst die fünf folgenden Schritte rückgängig machen und sie am Ende erneut ausführen, bevor man sieht, was das Ergebnis ist. Anwendungen wie Photoshop unterstützen zwar auch eine nicht-destruktive Bildbearbeitung, et-wa mit Ebenen, Masken und Einstellungsebenen, aber damit zu arbeiten ist aufwendiger, und das Bild, das ursprünglich aus nur einer Ebene von Pixeln bestand, wird immer komplexer.

Was passiert im Raw-Konverter?

In einem Raw-Konverter gibt es kein bearbeitetes Bild, sondern nur die Rohdaten – und eine Vor-schau, die zeigt, wie das Foto beim Export mit den aktuellen Einstellungen aussähe. Für die Bildbearbeitung ist eine Kette von Bearbeitungsstationen zuständig, die man sich wie in einer Fabrik vorstellen kann, in der aus dem Rohmaterial Schritt für Schritt das fertige Produkt entsteht. In einem Raw-Konverter gibt es Bearbeitungsstationen für die Belichtungskorrektur, den Kontrast, die Sättigung, den Beschnitt des Bildes, die Rauschunterdrückung, das Nachschärfen und so weiter, und die Bilddaten durchlaufen diese Stationen in einer vorgegebenen Reihenfolge bis zur fertig entwickelten Datei.

Mit einer Lightroom-Lizenz stehen einem neben den beiden Desktop-Varianten der Software auch Versionen für Smartphones und Tablets zur Verfügung – hier ist die Version für das Apple iPad gezeigt.

Mit den Reglern des Raw-Konverters gibt man Anweisungen, was an den einzelnen Arbeitsstationen jeweils passieren soll. Wann immer man einen der Regler verschiebt, werden die Rohdaten erneut durch alle Stationen geschickt, um ein Vorschaubild zu berechnen, das die Wirkung der veränderten Einstellung zeigt. So kann man jederzeit jede beliebige Einstellung ändern, ohne Weißabgleich Tonwertanpassungen Objektivkorrekturen Mikrokontrast Effekte Export Vorschau irgendwelche anderen Einstellungen rückgängig machen zu müssen. In welcher Reihenfolge man vorgeht, um die Entwicklungseinstellungen zu ändern, spielt für das Ergebnis keine Rolle, denn die Reihenfolge der Bildverarbeitungsschritte ist unabhängig davon stets dieselbe.

Diese Arbeitsweise ist ideal, um sich nach Sicht an die Bildanmutung heranzutasten, die einem vorschwebt. Denn schon während man an einem Regler zieht, verändert sich das Vorschaubild dementsprechend – und ebenso zusätzliche An-zeigen wie das Histogramm (mit dem man die Tonwertverteilung kontrollieren kann) oder eine Warnung vor ausfressenden Lichtern oder zulau-fenden Schatten. Ebenso lässt sich der Beschnitt immer wieder anpassen, um die Bildkomposition zu verändern. Erst wenn man das entwickelte Bild exportiert, berechnet Lightroom mit den aktuellen Entwicklungseinstellungen aus den Rohdaten ein RGB-Bild in voller Auflösung und speichert es. Aber natürlich ist die Entwicklung auch dann nicht eingefroren, sondern kann später noch weiter optimiert werden. Mit dem Anlegen virtueller Kopien lassen sich sogar mehrere Entwicklungseinstellungen für dieselbe Aufnahme anlegen, etwa für eine farbige Version und eine Schwarz-Weiß-Umsetzung. In den kommenden Folgen unserer neuen Serie werden wir auf solche Möglichkeiten im Detail eingehen.

Hat man einmal die besten Entwicklungseinstellungen für ein Bild gefunden, kann man sie kopieren und auf andere, ähnliche Bilder anwenden, was die Bearbeitung der Bilder einer Session stark beschleunigt. Einstellungen, die über das aktuelle Fotoprojekt hinaus nützlich sein könnten, lassen sie sich als benannte Vorgaben dauerhaft speichern. Durch die KI-Unterstützung in Lightroom haben das Kopieren und die Speicherung noch an Flexibilität gewonnen: Hat man eine Person im Vordergrund anders als den Hintergrund bearbeitet und wendet die Einstellungen auf andere Bilder an, so wird auch in diesen eine Person im Vordergrund wie im Vorbild bearbeitet, selbst wenn sie sich an einer anderen Position im Bild befindet. Wer lediglich seine Fotos bearbeiten will und keine Montagen oder andere weitergehenden Bildmanipulationen im Sinn hat, kommt mit Lightroom meist schneller und bequemer zum Ziel als mit einer klassischen Bildbearbeitung wie Photoshop, die für Fotografen daher zunehmend überflüssiger wird.

Lightroom? Welches Lightroom?

Der Name „Lightroom“ steht für eine Familie von Produkten; insgesamt sind es vier Anwendungen: Lightroom Classic und Lightroom, bei-de für Desktop-Computer, Lightroom für mo-ile Geräte (Smartphones und Tablets) sowie eine web-basierte Version, die in jedem Browser läuft. Sie enthalten weitgehend dieselben Algorithmen zur Raw-Entwicklung, unterscheiden sich aber in ihrem Funktionsumfang und ihrer Arbeitsweise. Die ursprüngliche und bis heute mächtigste Version ist Lightroom Classic für Windows und macOS, eine Workflow-Software für die Bildverwaltung, die von der Aufnahme mit einer an den Computer angeschlossenen Kamera über die Verarbeitung der Rohdaten und die Verschlagwortung der Bilder bis zu deren Präsentation in einer Diashow oder in einem Fotobuch alle Aufgaben unterstützen soll, die sich für einen Fotografen stellen. Die Bilder werden dabei auf dem Computer verwaltet, auf dem die Anwendung installiert ist.

Wenn man einmal ohne den eigenen Computer oder ein Mobilgerät unterwegs ist, kann man Lightroom auch auf jedem anderen mit dem Internet verbundenen Gerät im Browser nutzen.

Die Desktop-Alternative Lightroom (ohne den Zusatz „Classic“) ist demgegenüber in ihrem Funktionsumfang eingeschränkt, dafür aber manchmal die erste, die neue KI-gestützte Features unterstützt. Ursprünglich war Lightroom darauf ausgerichtet, alle Bilder in die Cloud (also Adobes Server im Internet) heraufzuladen und dort zu verwalten, aber inzwischen kann auch diese Anwendung mit Bildern auf einer lokalen Festplatte arbeiten. Wer Adobes Produktentwicklung über die Jahre nicht aufmerksam verfolgt hat, mag verwirrt sein: Lightroom Classic hieß früher schlicht „Lightroom“ – oder „Photoshop Lightroom“, obwohl es mit Photoshop nichts gemeinsam hat –, was heute für ein anderes Produkt mit einer neuentwickelten Benutzeroberfläche steht.

Für Smartphones und Tablets hat Adobe eine eigene Lightroom-Version entwickelt, die auch auf die in diesen Geräten integrierte Kamera zurückgreifen und deren Bilder im DNG-Format speichern kann. Ursprünglich hieß diese Variante „Lightroom mobile“. Selbst wenn man auf Reisen einmal nicht auf einen eigenen Computer zurückgreifen kann, steht einem (zum Beispiel in einem Internet-Café) noch dessen Web-basierte Version zur Verfügung.

Kaufen oder mieten?

Alle Varianten von Lightroom einschließlich Lightroom Classic können Bilddaten über Adobes Cloud austauschen, so dass man eine Bildbearbeitung beispielsweise auf einem fremden Computer beginnen und zuhause in Lightroom Classic abschließen kann. Wer unterwegs mit Lightroom als Kamera-App auf dem Smartphone fotografiert, findet seine Aufnahmen in Lightroom auf dem Desktop-PC vor, ohne sie erst von einem Gerät auf das andere übertragen zu müssen. Wegen ihrer unterschiedlichen Stärken und Schwächen wäre es schwierig, sich für eine einzige Anwendung zu entscheiden, aber das ist auch gar nicht nötig: Mit einer Lightroom-Lizenz kann man alle vier nutzen.

Ursprünglich konnte man eine Lightroom-Lizenz kaufen und dann beliebig lange mit der Software arbeiten – zumindest so lange, wie sie von der aktuellen Betriebssystemversion und der Hardware unterstützt wurde. Kleinere Updates, die Fehler behoben und die Unterstützung neuerer Kameramodelle nachrüsteten, waren frei verfügbar, und erst das nächste größere Upgrade, das neue Features brachte, war wieder kostenpflichtig. Wer mit dem bisherigen Funktionsumfang zufrieden war und so bald keine neue Kamera erwerben wollte, konnte ein solches Upgrade auch überspringen; Updates für neue Kameras waren nur für diejenigen Kunden weiterhin kostenlos, die die neue Version erworben hatten.

Mittlerweile biete Adobe seine Software nur noch im Abo an, und so lange man sie nutzen will, muss man zahlen. Es gibt einen industrieweiten Trend zu Software-Abos, denn die Hersteller, die ihren Entwicklern ja monatliche Gehälter zahlen müssen, können besser kalkulieren, wenn diesen Kosten auch monatliche Einnahmen gegenüber stehen. Für den Anwender haben Abonnements den Vorteil, dass neue Features sofort nach Fertigstellung ausgerollt werden, statt dass man auf das nächste größere – und dann auch wieder kostenpflichtige – Upgrade warten müsste. Adobes Lightroom-Abo beinhaltet Lizenzen für die vier Lightroom-Produkte sowie die Nutzung von Adobe Portfolio, um seine Fotos im Web zu präsentieren. Außerdem sind 1 Terabyte Speicher-platz in der Cloud eingeschlossen. Bei monatli-chen Zahlungen kostet das Abo 14,49 Euro; zahlt man für ein Jahr im Voraus, sind es nur 11,83 Euro pro Monat.

Lightroom zeichnet sich gegenüber Lightroom Classic durch eine überarbeitete Benutzer-schnittstelle aus, lässt aber noch immer einige der Classic-Features vermissen. Auf Windows- und macOS-Computern hat man die Wahl.

Es gibt regelmäßig spezielle Aktionen, in denen Jahresabos zu einem reduzierten Preis angeboten werden, was sich auch dann lohnen kann, wenn man bereits ein Abo abgeschlossen hat: Das zusätzliche Jahr beginnt dann erst, nachdem das aktuelle Abo abgelaufen ist. Alternativ zum Lightroom-Abo offeriert Adobe ein Foto-Abo, das zusätzlich noch eine Photoshop-Lizenz beinhaltet und 23,79 Euro pro Monat kostet – die-e Mehrkosten werden sich für viele Fotografen nicht lohnen, zumal der Preis auch bei einer Vorauszahlung für ein Jahr nicht sinkt.

Unter adobe.com/de/creativecloud/photography/compare-plans.html hat Adobe alle Optionen aufgeführt. Was aber, wenn man sich irgendwann entschließt, sein Abo wieder zu beenden? Manche fürchten ja, die eigenen Bilder würden in Geiselhaft genommen, um den Kunden an das Produkt zu binden. Die in Adobes Cloud gespeicherten Fotos muss man natürlich rechtzeitig auf die eigene Festplatte kopieren, damit man sie nicht verliert. Der Zugriff auf die lokal gespeicherten Bilder bleibt uneingeschränkt erhalten, und mit Lightroom Classic kann man auch ohne gültiges Abo Aufnahmen importieren und verwalten. Die Entwicklung neuer Bilder oder eine Änderung der Entwicklung älterer Fotos ist zwar nicht länger möglich, aber man kann bereits entwickelte Bilder erneut exportieren, wenn man sie beispielsweise in einem anderen Dateiformat oder einem anderen Farbraum benötigt. Text & Bilder: Michael J. Hussmann