Perspektive nachträglich verändern
Wer Architektur fotografiert, kennt das Problem: Wird die Kamera nach oben gerichtet, um ein hohes Gebäude vollständig aufs Bild zu bekommen, laufen die eigentlich parallelen senkrechten Linien nach oben zusammen. Die Fassade wirkt dadurch nach oben hin schmaler – man spricht von stürzenden Linien. Mit einer Fachkamera oder einem Shift-Objektiv lässt sich diese Perspektive bereits bei der Aufnahme kontrollieren. corr3ax will eine vergleichbare Kontrolle nachträglich am Mac ermöglichen.
Die im Apple App Store verfügbare Software nutzt dafür die Lageinformationen, die moderne Kameras über ihre Sensoren erfassen und teilweise in den Metadaten der Bilddatei speichern. Unterstützt werden nach Angaben der Entwickler unter anderem Kameras von Sony, Canon, Nikon, Fujifilm und Leica.
Der Name corr3ax steht für „correction“ und „3 axes“ – also die Korrektur über drei Achsen. Gemeint sind Pitch, Roll und Yaw.
Pitch, Roll und Yaw einfach erklärt
Bei der Pitch-Achse wird die Kamera nach oben oder unten geneigt. Roll bezeichnet die Drehung der Kamera um ihre optische Achse – also beispielsweise das leichte Schiefhalten nach links oder rechts. Yaw beschreibt schließlich die horizontale Drehung der Kamera nach links oder rechts.
Für eine klassische Horizont- und Perspektivkorrektur reichen im Wesentlichen Pitch und Roll. corr3ax nutzt nach Angaben der Entwickler jedoch zusätzlich die dritte Achse, Yaw. Dadurch soll nicht nur eine fehlerhafte Perspektive korrigiert, sondern die Perspektive eines Bildes gezielt verändert werden können.
Das Verfahren basiert auf einer projektiven Transformation. Dahinter steckt eine mathematische Methode, mit der sich die räumliche Darstellung eines zweidimensionalen Bildes verändern lässt. Ein perspektivisch verzerrtes Rechteck kann beispielsweise wieder in ein geometrisch korrektes Rechteck überführt werden. Umgekehrt lässt sich die Perspektive aber auch bewusst in eine andere Richtung verschieben.
Was ein Shift-Objektiv bisher erledigt
Shift-Objektive sind vor allem in der Architektur- und Produktfotografie beliebt. Sie ermöglichen es, den Bildausschnitt gegenüber dem Sensor nach oben, unten oder zur Seite zu verschieben, ohne die Kamera selbst entsprechend zu neigen. Dadurch lassen sich beispielsweise hohe Gebäude fotografieren, ohne dass die senkrechten Linien nach oben zusammenlaufen.
corr3ax verlagert diese Möglichkeit in die Nachbearbeitung. Nach Angaben der Entwickler kann die Software anhand der bei der Aufnahme vorhandenen Kameradaten die räumliche Orientierung des Bildes berücksichtigen und anschließend eine perspektivische Transformation durchführen.
Dabei soll die Software nicht bei der klassischen Korrektur stehen bleiben. Durch die Berücksichtigung der dritten Achse soll sich ein virtueller Perspektivwechsel realisieren lassen. Der Fotograf kann die Perspektive also nach der Aufnahme noch deutlich stärker verändern, als dies bei einer einfachen Korrektur stürzender Linien der Fall wäre.
Die Entwickler sehen darin eine digitale Erweiterung der Möglichkeiten einer Fachkamera. In einem Punkt soll corr3ax sogar darüber hinausgehen: Die Perspektive kann nachträglich verändert werden, obwohl die Kamera während der Aufnahme natürlich an ihrem ursprünglichen Standort stand.

Für die Perspektivkorrektur benötigt corr3ax kein Stativ. Die Software nutzt die gespeicherten Lageinformationen der Kamera und kann deshalb auch bei aus der Hand fotografierten Bildern eingesetzt werden.
Das macht das Stativ natürlich nicht grundsätzlich überflüssig. Für lange Belichtungszeiten, Nachtaufnahmen oder andere Situationen, in denen die Kamera während der Aufnahme absolut ruhig stehen muss, bleibt es weiterhin notwendig.
Auch ältere Bilder lassen sich bearbeiten
Nicht jedes Bild enthält die erforderlichen Winkeldaten in seinen Metadaten. corr3ax soll deshalb auch mit Aufnahmen ohne automatisch gespeicherte Lageinformationen arbeiten können. Die notwendigen Werte lassen sich nach Angaben der Entwickler manuell bestimmen und das Bild anschließend entsprechend kalibrieren.
Damit soll die Software auch für bereits vorhandene Bildarchive interessant sein.
Kombination mit Photoshop und KI
corr3ax versteht sich nicht als Ersatz für klassische Bildbearbeitung. Die Anwendung konzentriert sich auf die Perspektive; anschließend kann das Bild beispielsweise in Photoshop weiterbearbeitet werden.
Bei einer starken Perspektivkorrektur kann allerdings ein Problem entstehen: Durch die geometrische Transformation werden Bildbereiche an den Rändern verschoben, sodass an den Ecken Informationen fehlen können. Moderne KI-Werkzeuge zur generativen Bilderweiterung können solche fehlenden Bereiche ergänzen. Das Bild lässt sich damit nach der Perspektivkorrektur wieder auf ein gewünschtes Format bringen.

Hinter corr3ax stehen drei unterschiedliche Kompetenzen.
Der Fotograf und Fotoingenieur Detlef Grosspietsch hat das Projekt gemeinsam mit Prof. Dr. Christian Wöhler entwickelt. Grosspietsch absolvierte eine Fotografenlehre, legte die Meisterprüfung ab und bildete sich anschließend zum Fotoingenieur weiter. Jahrzehntelang arbeitete er als Profifotograf für Verlage und Auftraggeber aus der Industrie. Später widmete er sich verstärkt eigenen fotografischen und technischen Entwicklungen.
Für die Umsetzung als Mac-Anwendung ist Thorsten Lemke verantwortlich. Der Softwareentwickler ist insbesondere durch das Bildprogramm GraphicConverter bekannt. Das Programm unterstützt seit den frühen Jahren der Digitalfotografie eine große Zahl unterschiedlicher Bildformate und RAW-Dateien.
Perspektivkontrolle statt nachträgliches „Geradeziehen“
Der Ansatz von corr3ax geht damit über das bekannte Geradeziehen von Gebäudekanten hinaus. Die Software versucht, die bei der Aufnahme vorhandene räumliche Orientierung der Kamera in die Bildbearbeitung einzubeziehen und daraus neue Möglichkeiten der Perspektivgestaltung abzuleiten.
Ob das Verfahren in der Praxis tatsächlich die versprochene Freiheit bei der Perspektivgestaltung bietet, lässt sich am besten anhand konkreter Bildbeispiele beurteilen. Auf der Website von corr3ax zeigen die Entwickler deshalb verschiedene Vorher-Nachher-Beispiele.
corr3ax ist für den Mac im Apple App Store erhältlich. Der Preis beträgt 89 Euro.
Weitere Informationen: www.corr3ax.com
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