Oppo Find X9 Ultra

Eine Hasselblad für die Hosentasche

Das ist uns beim Testen eines Smartphones noch nie passiert: Immer wieder zückten wir das Oppo Find X9 Ultra, als wäre es eine klassische Edelkompakte – flink raus aus der Jackentasche, sicher im Griff dank des (optionalen) Handgriffs des Explorer Kits und blitzschnell das Motiv auf dem hervorragenden und hellen 6,82-Zoll-LTPO-Display gestaltet.

Man merkt es schnell: Dieses Handy ist nicht einfach nur ein Top-Smartphone mit gehobener Kameraausstattung. Auch wenn die Grund-Features dem entsprechen, was man von einem aktuellen High-End-Mobiltelefon erwartet, positioniert sich das Find X9 Ultra tatsächlich und unmissverständlich als eine Art “Kamera mit Smartphone drumherum”.

Denn das Kamera-Equipment des Oppo ist nicht bloß eine Sammlung einzelner Sensoren auf der ausgeprägten Kamerainsel, sondern ein komplexes Gesamtsystem, das sich spür- und sichtbar an arrivierter Fototechnik orientiert – und hier auch ein berühmtes Vorbild hat.

Hinten links das “Vorbild” für Oppos neues Top-Handy: Die Mittelformat-Spiegellose Hasselblad X2D II 100C.

Im Zentrum steht das sogenannte „Hasselblad Master Camera System“ – gewissermaßen der Höhepunkt der seit rund fünf Jahren bestehenden Technologie-Kooperation zwischen Oppo und Hasselblad. Es umfasst vier Hauptkameras, zusätzliche Sensoren für Farbtemperatur, Fokus und Infrarot sowie eine eigene Farbkorrekturlinse. Ziel dieses Aufbaus ist es, Licht möglichst präzise zu erfassen und über alle Brennweiten hinweg konsistente Ergebnisse zu liefern.

Das Aufnahmesystem des Oppo Find X9 Ultra. (Bild: Oppo)

Die Hauptkamera mit 23 mm Brennweite nutzt einen besonders großen 200-Megapixel-Sensor im Format 1/1,12 Zoll mit einer sehr lichtstarken f/1,5-Öffnung. Dadurch kann sie deutlich mehr Licht aufnehmen als typische Smartphone-Kameras, was sich in der Praxis vor allem bei Nachtaufnahmen und kontrastreichen Szenen positiv bemerkbar macht. Unterstützt wird dies durch optische Bildstabilisierung und Mehrfachbelichtungstechnik, die Dynamikumfang und Detailtreue erhöhen. Das Ergebnis sind Bilder mit hoher Schärfe, feinen Texturen und einer insgesamt sehr plastischen Bildwirkung, auch bei schwachen Kontrasten und wenig Licht.

Eine zweite 200-Megapixel-Kamera ist speziell für den Telebereich und Porträts ausgelegt. Mit einer Brennweite von etwa 70 mm orientiert sie sich an klassischen Porträtobjektiven und erzeugt eine natürliche Perspektive. Besonders auffällig ist hier die Kombination aus großem Sensor und guter Blendenöffnung von f/2,2, wodurch mehr Licht eingefangen wird als bei den meisten Telekameras in Smartphones üblich. Das ermöglicht auch im Zoom-Bereich hochwertige Nachtaufnahmen und sorgt für bei Poträts für ein durchaus brauchbares (wenn auch nicht perfektes) Bokeh.

Porträt mit der 200-MP-Hauptkamera bei Blende f/3,5 und 1/2.000: Gutes, wenn auch nicht perfektes Bokeh.

Eine der technisch interessantesten Komponenten ist die 50-Megapixel-Periskop-Telekamera mit 10-fach optischem Zoom. Das gab es bislang bei Smartphones nur selten – etwa beim Samsung Galaxy S23 Ultra. Beim Oppo arbeitet das optische Zoom auf einem Niveau, das auch anspruchsvolle Fotografen mitnehmen dürfte. Im Grunde liegt die Bildqualität auf dem Level hochwertiger Reisezoomkameras wie etwa einer aktuellen Lumix-TZ.

Effizient und raffiniert: 50-Megapixel-Periskop-Telekamera mit 10-fachem optischem Zoom.

Für diese anspruchsvolle Konstruktion haben sich die Entwickler im südchinesischen Shenzhen einiges einfallen lassen. Sie setzen auf eine aufwendige Prismenkonstruktion auf engstem Raum, bei der das Licht mehrfach im Gehäuse umgelenkt wird, um große Brennweiten zu realisieren. Dadurch erreicht das Find X9 Ultra eine kleinbildäquivalente Brennweite von 230 mm und kann auch entferntere Motive heranholen, ohne auf digitales Zoomen oder fragwürdige KI-Aufhübschung angewiesen zu sein.

In Kombination mit weiteren Zoomstufen entsteht ein durchgehend nutzbarer Zoombereich vom Weitwinkel bis hin zu starken Telebrennweiten. Wer sich auf 240 oder 480 mm beschränkt, erhält ein Zoom, das einer guten Kompaktkamera in nichts nachsteht.

Find X9 Ultra im Explorer Case mit angesetztem 300 mm-Telekonverter: Look & Feel einer “echten” Kamera inklusive kleinem Handgriff, Zusatzauslöser und Zoomwippe.

Für noch mehr Tele-Reichweite bietet Oppo zusätzlich ein optionales Vorsatzlinsensystem aus 16 Elementen an, das Teil des hochwertig verarbeiteten „Hasselblad Earth Explorer Kit“ ist. Dieses umfasst unter anderem eine spezielle Schutzhülle mit zweistufigem Auslöser sowie einer kleinen Wippe zur Zoomsteuerung.

Herzstück des rund 450 Euro teuren Sets ist jedoch der lichtstarke 2,2/300-mm-Telekonverter, der über ein Metallbajonett direkt vor der optisch stabilisierten 3-fach-Telekamera montiert wird und sich sogar mit einer kleinen Schelle am Stativ befestigen oder noch besser aus der Hand halten lässt. Klasse auch hier: die Arbeit der Stabilisierung, die uns kaum verwackelte Bilder beschert hat.

Nicht so gut gefallen hat uns das Autofokus-Handling beim Einsatz des Konverters. Da man hier – je nach Motivabstand – schon mit recht knapper Schärfentiefe zu kämpfen hat, war uns das eine (recht große) Messfeld (das sich zwar übers Motivfeld verschieben lässt) ein wenig zu pauschal. Hier sollte Oppo mit einem Firmware-Update nachbessern und dem Find X9 Ultra mehr AF-Punkte oder ein zumindest in der Größe einstellbares Messfeld spendieren. Auch eine Augenerkennung für Mensch und Tier würde hier das zielgenaue Scharfstellen vereinfachen.

Aufnahme mit dem 300 mm-Telekonverter.

Ergänzt wird das System durch eine 2/14 mm-Ultraweitwinkelkamera mit großem Bildwinkel und vergleichsweise lichtstarker Optik, die sich besonders für Landschafts- und Architekturaufnahmen eignet. Auch hier sorgt ein größerer Sensor dafür, dass Details und Farben besser erhalten bleiben als bei vielen Konkurrenzmodellen. Allerdings fällt dieser mit 1:1,95 Zoll deutlich kleiner als die Optikeinheiten der anderen Kameras des Find X9 Ultra aus.

Ein zentrales Element des gesamten Systems ist laut Oppo die Farbwiedergabe. Die sogenannte True-Color-Kamera arbeitet mit 24 Spektralkanälen und passt sich dynamisch an unterschiedliche Lichtquellen an. Dadurch werden Farben möglichst realitätsnah wiedergegeben – insbesondere Hauttöne und komplexe Mischlichtsituationen profitieren davon. Ergänzt wird dies durch die von Hasselblad entwickelte Farbkalibrierung, die auf eine natürliche, wenig künstliche Bildästhetik abzielt. Im Zweifelsfall gilt in Sachen Farbreproduktion natürlich auch bei Oppos Spitzenmodell: DNG/RAW zuschalten und die Farben am Rechner nach Gusto gestalten.

ISO 4.000 – JPEG direkt aus der Kamera. Am Ausschnitt gut zu sehen ist das vergleichsweise geringe Rauschen und der recht effiziente Bildstabilisator der Kameraeinheit.

Auch softwareseitig ist das System stark ausgebaut. Die LUMO Image Engine kombiniert mehrere Aufnahmen zu einem Bild mit höherer Auflösung und verbessertem Dynamikumfang. Zusätzlich stehen professionelle Modi zur Verfügung, in denen Nutzer Parameter wie ISO, Verschlusszeit oder Weißabgleich manuell steuern können. Formate wie RAW oder spezielle HDR-Varianten ermöglichen eine weitergehende Nachbearbeitung.

Für solche Szenen hält das Oppo eine Raffinesse bereit: Auslöser gedrückt halten und die Kamera schießt flotte Serienbilder, die eine gute Schärfe und auch eine reaktionsschnelle Belichtung bieten, denn hier erkennt das Find X9 Ultra, dass das Gesicht des Künstlers belichtet werden muss und nicht die Flamme.

Im Videobereich setzt sich dieser Anspruch fort: Das Gerät unterstützt 8K-Aufnahmen mit erweiterten Farbprofilen und professionellen Log-Formaten, die vor allem für die Nachbearbeitung gedacht sind. Ergänzt wird das durch hohe Bildraten in 4K sowie verschiedene Stabilisierungstechniken, die auch bei Bewegung ruhige Aufnahmen ermöglichen.

Im tagelangen Dauereinsatz hat uns auch der großzügig bemessene 7.050-mAh-Akku gefallen, der auch nach stundenlangem Fotografieren noch locker Strom für den ultraschnellen Prozessor Snapdragon 8 Elite Gen 5 von Qualcomm liefert. Der Akku kann mit 100 Watt kabelgebunden oder mit 50 Watt kabellos aufgeladen werden und ist somit flott wieder einsatzbereit für weitere Bilder und Videos.

Die Ultraweitwinkel-Einheit liefert KB-äquivalente 14 mm bei einer Öffnung von f/2. Das macht auch ohne Abstützen recht scharfe Available-Light-Aufnahmen möglich.

Insgesamt verfolgt das Kamerasystem des Find X9 Ultra einen klaren Ansatz: Es soll nicht nur möglichst hohe Auflösung liefern oder Schwächen mit KI kaschieren, sondern eine konsistente Bildqualität über alle Brennweiten hinweg bieten.

Die Kombination aus großer Sensorfläche, komplexer Optik, präziser Farbverarbeitung und leistungsstarker Software zielt darauf ab, die Grenzen klassischer Smartphone-Fotografie deutlich zu erweitern und sich stärker an professionellen Kameras zu orientieren.

Im “Hasselblad Master”-Modus stehen (neben DNG als Bildformat) auch diverse Bildstile zur Verfügung. In dieser Betriebsart liefert das Oppo maximale Bildqualität und sehr gut nachbearbeitbare RAW-Dateien.

Fazit

Natürlich kann das Oppo-Flaggschiff in Sachen Bildqualität und Reproduzierbarkeit nicht mit seinem schwedischen Vorbild, der Mittelformatkamera Hasselblad X2D II 100C, mithalten. Dennoch verdient das Find X9 Ultra als eines der wenigen Smartphones am Markt durchaus das Prädikat „Kamera“. Wer als fotoaffiner Nutzer ein Smartphone sucht, das eine Kompaktkamera tatsächlich ersetzen kann, wird hier fündig.

Gemessen an der gebotenen Technik und der Bildleistung ist der Preis von rund 1.700 Euro durchaus angemessen. Uns jedenfalls hat das schicke und robuste Handy in Sachen Foto beeindruckt und lässt den Slogan “Your next camera” weit mehr als nur als Marketingsprech erscheinen.

Weitere Infos zum Produkt finden Sie auf der Herstellerwebsite.

Noch mehr Tele und ein robustes Case: das Oppo Find X9 Ultra Hasselblad Earth Explorer Kit.