Von Leuchtturmwärtern und Seetangsammlern
Seit Jahrhunderten prägen die Arbeiter des Meeres die Küstenstreifen unserer Erde: Fischer, Seetangsammler, Krabbenfischer, Leuchtturmwärter, Seacoaler und viele andere. Mit ihrer Arbeit haben sie die Kultur der Meeresregionen gestaltet. Und sie ernähren mit ihrem Fisch, den Krabben, dem Seetang und den Muscheln die Welt. Etwa 20 Prozent des Eiweißbedarfs der Menschheit kommt noch immer aus dem Meer. Aber die Erwärmung der Erde, die Verschmutzung der Meere und die industrielle Fischerei haben den Arbeitern der Meere schwer zugesetzt. Vielerorts können sie von ihren Erträgen nicht mehr leben. Immer mehr von ihnen betreiben die Arbeit ihrer Vorfahren nur noch als Nebenerwerb und sentimentale Familientradition.

An die Schauplätze seiner 13 Foto-Geschichten in dieser Ausstellung ist der Fotograf und Journalist Rolf Nobel als Fremder gekommen und die Menschen dort waren ihm gegenüber anfangs eher skeptisch. Sie hatten die Erfahrung gemacht, dass Journalisten sich ihr eigenes Bild von der Arbeit auf See machten und dass dies nicht immer mit ihrer eigenen Wahrnehmung übereinstimmte.
Indes, überall auf der Welt, wo er seither Arbeits- und Lebenswelten fotografiert hat, hat, erlebte er so etwas wie eine »Kumpanei der Arbeit«. Und so seltsam es klingt, funktioniere sie über alle Sprach- und Kulturbarrieren hinweg, ob nun auf den Abwrackwerften im indischen Alang, den Fischerinseln in der indonesischen Sulawesisee oder bei den Lavenet-Fischern in Wales. Das lag nicht nur daran, dass er sein Essen, die Cola oder den Tabak immer mit den Menschen um ihn herum teilte. Vielmehr haben die Fischer und Arbeiter sein erkennbares Engagement beim Fotografieren zugleich als Respekt vor ihrer Arbeit verstanden. Denn er war am Ende des Tages ja fast genauso müde und verschwitzt wie sie.

Seine Auswahl der Themen in diesem Buch ist willkürlich. Arbeiter des Meeres gibt es sprichwörtlich wie Sand am Meer. Schließlich ist etwa 70 Prozent der Erdoberfläche von Meeren bedeckt. Die Geschichten sind über einen längeren Zeitraum entstanden und auf vier Kontinenten. Erst nach und nach entstand die Idee, daraus ein größeres Projekt zu machen, und so begann er, unterstützt durch das Kulturwerk der VG Bild-Kunst, weiter zu recherchieren und zu fotografieren.
Die Texte der Geschichten schrieb Nobel immer im Präsens, so wie sie ihm zum Zeitpunkt ihrer Entstehung erschienen. Manche ihrer Helden leben nicht mehr, wie Joseph, der alte Seacoaler aus Lynemouth, einem kleinen Ort in der Nähe von Newcastle. Er ist seit einigen Jahren tot, aber im Kopf des Autors und in seiner Erinnerung ist er bis heute geblieben, seit er in den späten 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Geschichte der Seacoaler fotografierte und schrieb. Und obwohl Joseph und er in sehr verschiedenen Welten lebten, gab es eine Verbindung, die über viele Jahre hinweg alles Vergessen überdauerte.

Alle Menschen in seinen 13 Fotogeschichten – ob Leuchtturmwärter, Küstenfischer, Seetangsammler oder Seacoaler – haben eines gemeinsam: Sie gehören zu einer aussterbenden Spezies. Rolf Nobels Arbeit soll Ihnen ein fotografisches Denkmal setzen und etwas von ihrem Tun bewahren, das zum Stoff zahlloser großartiger Romane, Epen, Gedichte und Gemälde geworden ist.
Rolf Nobel, geb. 1950, hat an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg Visuelle Kommunikation studiert. Nach dem Diplomabschluss arbeitete er als freier Fotograf für verschiedene Magazine, wie stern, Geo, GeoSaison, ZEITmagazin, Brigitte, SZmagazin und mare. Von 2000 bis 2026 war er Professor für Fotografie an der HAW in Hamburg und der HsH Hannover. Von 2008 bis 2018 leitete er als Gründer das LUMIX Festival und seit 2013 die Fotojournalismus-Galerie GAF. 2016 erhielt er den Dr.-Erich-Salomon-Preis der DGPh.

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