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Herman van den Boom: Chaussee D'Amour
© Herman van den Boom

Herman van den Boom

1950 in Belgien geboren, studiert Herman van den Boom zunächst an der Academy Industrial Design im holländischen Eindhoven, dann an der Academy for Fine Arts in Enschede. Von 1987 bis 1990 ist er Galerist der Amsterdamer Galerie D'Eendt. 2002 erhält er eine Gastprofessur am HISK (Higher Institute for Fine Arts) in Antwerpen und wird 2005 Professor für Fotografie an der Academy of Fine Arts in Maastricht. Zu einer Auswahl seiner bisherigen Ausstellungsorte gehören die photokina, die Photography Biennale Moskau, das Fotofest Houston und das Museo Municipal de Arte Contemporaneo in Madrid. Herman van den Booms Arbeiten sind in zahlreichen internationalen Sammlungen vertreten.

www.hermanvandenboom.net


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Herman van den Boom: Chaussee D'Amour

Architektur der Intimität


In der Fotostrecke "Chaussee d'Amour" werden Orte der käuflichen Liebe zum Spiegel gewöhnlicher Straßenansichten. Herman van den Boom führt uns die Doppelmoral der Gesellschaft vor Augen, fotografiert Fragmente menschlicher Leidenschaften.

Unterwegs auf der Landstraße von Lüttich über Sint-Truiden nach Brüssel. Vormittags, an einem ganz normalen Arbeitstag. Dörfer, Felder, Weiden, Brachland und kleine Industriegebiete ziehen beim Blick aus dem Fenster vorüber. Tankstellen und Autosalons, Dorfstraßen mit den typischen Wohnhäusern aus Ziegelstein, vereinzelte Villen, Kirchen, dann Grünflächen, Reklametafeln und Einkaufszentren. Aus Gewohnheit tasten die Augen die Schaufenster ab, identifizieren einen Friseur, einen Bäcker, einen Blumenladen, bis sie irritiert fragend an den sich häufenden Läden mit Barhockern im Fenster hängen bleiben. Eine metallic-rosa glänzende Decke verhüllt ein rundes Tischchen mit Stehlampe, daneben zwei viel zu hohe Stühle mit Kissen, eine Grünpflanze. Die Gardine dahinter und der Teppich suggerieren Wohnzimmeratmosphäre. In einem anderen Fenster thront ein Buddha auf einem filigranen Beistelltischchen, flankiert von zwei hohen Designerschalenstühlen. Dann ein Fenster mit Che-Guevara-Handtuch, Pflanzenkübel und zwei schwarzen Hockern, an der Tür Aufkleber mit Visa, Maestro und MasterCard. Die Frage drängt sich auf, was in diesen Läden verkauft wird - Stühle oder Möbel allgemein? Handelt es sich um einen Schönheits- oder Massagesalon? Oder zeigt das Fenster Reste einer Geschäftsaufgabe? Eigentlich liegt die Antwort längst auf der Zunge, doch traut man seiner eigenen Wahrnehmung nicht, am helllichten Tage im banalen Alltag Dinge zu sehen, die man nur im nächtlichen Rotlichtmilieu vermutet hat. Die einzeln oder paarweise auf die Straße ausgerichteten Barhocker, mit Kissen oder Handtüchern bedeckt, sprechen ihre eigene Sprache. Eine in aufreizender Wäsche einem zuwinkende Dame im nächsten Fenster macht schließlich jeden Zweifel zunichte

© Herman van den Boom

"Nicht unvollkommen, nicht sündig, ist der Mensch nicht mehr das große Geheimnis."
Isidore Ducasse Comte de Lautréamont
Der Fotograf Herman van den Boom hat diese Orte der käuflichen Liebe mit der Kamera festgehalten, unspektakulär und menschenleer: "Meine Fotografien sind letztendlich eine Kombination von dem Blick durch das Schaufenster in Räume mit vergessenen Details, wie einem Feuerzeug, einem Aschenbecher oder einem Mobiltelefon, und der Reflexion des Blicks der Prostituierten." So spiegelt van den Boom die Absurdität von drinnen und draußen, die Glasscheibe ist sowohl trennendes als auch verbindendes Moment. Die Transparenz des Glases ermöglicht der Frau ein geschütztes Sich-zur-Schau-Stellen, ein Gesehenwerden, aber gleichzeitig auch die Wahrnehmung des vorbeieilenden Alltags mit einkaufenden Müttern, Schulkindern, zur Arbeit hastenden Männern sowie potenziellen Freiern. In den Fenstern spiegelt sich die Umgebung wieder: Bürgerliche Wohnhäuser mit Vorgärten und Hecken, Ackerland oder auch Betonkästen. Das Nebeneinander von Vertrautem und Unerwartetem irritiert, bringt Denk- und Sehgewohnheiten durcheinander. Dadurch, dass die Bordelle nicht ausgegrenzt liegen in Rotlichtbezirken oder Sperrgebieten liegen, existieren Erotik und Pornografie an diesem Stückchen Landstraße sichtbar im gesellschaftlichen Alltag. Diese Gleichzeitigkeit von Bürgertum und Prostitution verunsichert, provoziert. "Es geht mir um die Absurdität im Leben, im Lebensalltag", so Herman van den Boom.

Schon seit Langem trägt dieser Straßenabschnitt zwischen Lüttich und Sint-Truiden im Volksmund den poetischen Namen Chaussée d'Amour - bekannt als eine der "Achsen der Liebe", die Belgien auf dem Land durchschneidet. weiß Herman van den Boom. Allein der Name weckt Sehnsüchte nach Lust, Glück und Leidenschaft. Etablissements mit Namen wie "Ecstasy", "Vesuvius" und "Climax" versprechen Erfüllung, ebenso die sich in den Schaufenstern zu jeder Tages- und Nachtzeit sinnlich aufreizend oder provokativ-lasziv räkelnden Damen. Das Bizarre an der Situation: Auch der potenzielle Kunde sitzt hinter seiner Windschutzscheibe im "Glashaus", wenn er mit dem Auto vorfährt. Das Reale erscheint als eine Art Fantasiewelt und erinnert an eine Aussage André Bretons, der den Surrealismus als "Theater der Verlockungen und Verbote" beschrieb. Den Bildern haftet etwas Absurdes an, wenn man bedenkt, dass eines dieser Schaufenster direkt gegenüber vom Eissalon liegt und den Eisschleckenden auf der Terrasse Einblick gewährt - oder zwischen Bank und Gemeindehaus, neben einer Fritterie oder dem Fleischer. "Ein heute mit Blumen dekoriertes Fenster direkt neben der Kirche, war einst auch von einer Frau als Schaufenster angemietet", weiß der Fotograf zu erzählen. Er lebt in der Nähe von Lüttich auf dem Land. Seit vielen Jahren gehört die Straße zu seinen oft frequentierten Strecken. So erinnert er sich noch, wie ein bekanntes Möbelhaus seine alte Ausfahrt extra um einige Meter verlegte, weil diese unmittelbar auf ein solches Schaufenster zuführte. "Und das auch noch an einer Ampel", lacht der Fotograf. Geradezu süß-grotesk: Ein Bordell befindet sich gegenüber einer Zuckerfabrik. Und manch ein Anwohner reagiert pragmatisch, indem er beispielsweise sein Wohnzimmer verkleinert, um ein vermietbares Schaufenster einzurichten.

© Herman van den Boom
"Herman van den Booms Fähigkeit, Details wahrzunehmen, die er dann einem gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund gegenüberstellt, verwandelt seine Arbeit in ästhetische, intrigierende Studien über die menschliche Landschaft. Diese sollten als Metaphern verstanden werden, die danach fragen, wie wir sind und wie wir leben." Damit trifft der Kurator Bruno Chalifour einen wesentlichen Punkt der Arbeitsweise des Fotografen. Nicht nur in der Arbeit "Chaussée d'Amour", auch in seiner Gartenserie "Arcadia Redesigned" isoliert er Details aus ihrem Kontext und fügt sie zu neuen Serien zusammen. Mit Humor und einem kommentierenden Blickwinkel geht Herman van den Boom über das Dokumentarische hinaus, jedoch ohne vorher oder später verändernd in die Szenerie einzugreifen. Er beobachtet genau, macht sich aber nicht zum Voyeur. So zeigt er die verlassenen Schaufenster in der Verlassenheit, in der sie sich darbieten, ohne aber die Betreiberinnen persönlich zu tangieren oder gar bloßzustellen. Er kennt sie einfach: die kommunikative Kraft der Dinge.


Autor: Anne Kotzan

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