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Volkmar Krause: Lochbildkunst
Volkmar Krause
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Volkmar Krause: Lochbildkunst

Der Obscurist


Ist die jetzt wieder so populäre Lochbild-Lichtbildnerei nur Ausdruck verschrobener Ambitionen von verspielten Impressionisten? Volkmar Krause experimentiert begeistert mit selbst gebauten Lochbildkameras und schwärmt von den enormen kreativen Möglichkeiten.

Seine Hafen-Impressionen und Alster-Bilder heißen "Illusion", "Im Rausch" oder "Alsterfahrt" und wirken schon auf den ersten Blick bestechend. Man wird überwältigt von einer geballten, intensiven Farbenpracht, die in Kombination mit leichter Unschärfe zum genaueren Hinsehen und zur kontemplativen Versenkung animiert. Wer noch nicht zu den "Obscuristen" gehört - so zumindest bezeichnet der Lochbild-Spezialist Volkmar Krause die Afficcionados subtiler Unschärfen und entschleunigter Impressionen -, der registriert sofort, dass sich hier künstlerisches Neuland offenbart. Da ist etwa dieses blaurot glühende, ins kitschige Jeff-Koons-Pop-Kolorit driftende nächtliche Hafen-Panorama mit geheimnisvollen Lichtspiegelungen, über den die hoch in den Himmel ragenden Verladekräne wie missratene Giraffenmutationen anmuten: Diese Szenerie hätte nicht einmal der große Romantiker Caspar David Friedrich so stimmungsvoll aufladen können. Für Volkmar Krause war dieses wunderbare Bild "Feierabend" (Belichtungszeit fünf Minuten) aber nur das Resultat eines gelungenen Versuchs: "Ich wollte einfach mal sehen, was alles mit so einer Lochbildkamera möglich ist", so Krause.

Volkmar Krause

"Ich bin jedenfalls kein hektischer Knipser"
Krause arbeitet beim NDR als Produktionsingenieur in der Abteilung "Studio Bild und Ton" und ist Spezialist für Kameras und Beleuchtungstechnik. Über die Gegensätze von hektischer Studio-Atmosphäre und beschaulicher Lochbild-Idylle, den Kontrast von pragmatischer High-Tech-Effizienz und einer total entschleunigten, ambitionierten impressionistischen Lichtbild-Ästhetik macht er sich als pragmatischer Techniker jedoch keine tiefschürfenden Gedanken. "Der grandiose Landschafts-Fotograf Ansel Adams war ja schon froh, wenn er bei seinen Expeditionen in die Rocky Mountains oder an den Mono Lake pro Tag ein brauchbares Bild geschossen hat", meint Krause. "Ähnlich ergeht es mir eigentlich auch - ich bin jedenfalls kein hektischer Knipser; mir schwebt als Ideal auch eine Art ungekünstelte "straight photography" wie die von Altmeister Adams vor." Einerseits eine verblüffende Antwort, weil der Purist und Naturschützer Adams (1902-1984) sich ja nur auf großformatige Landschaftsaufnahmen kaprizierte, auf denen Menschen kaum zu sehen waren. Andererseits entwirft Krause auf seinen Lochbild-Fotos Szenarien, in denen ein weites Hafen- oder Landschafts-Panorama mit überraschenden Lichteffekten ausgebreitet wird und Menschen höchstens als kaum erkennbare Statisten am Rande fungieren. Einige seiner Bilder scheinen direkt aus dem Fundus der schönsten romantischen Naturmaler zu stammen. Besonders eindrucksvoll wirken auch die düsteren Wolkenformationen über der Alster, die sich auf seinem Foto "Alsterfahrt" zu einem dynamischen Wirbel konzentriert haben: Fast zyklonartig haben sie sich bereits zum großen Sturm formiert und erinnern an Adams' Aufnahme "Tetons and Snake River" von 1942, auf dem der mäandernde Fluss von schwarzen Wolken überlagert wird und die Bergspitzen im Hintergrund von einer bedrohlichen Schwärze verschluckt werden. Für den Naturfreund Adams war die Kraft und das bedrohliche Zerstörungspotenzial der Natur eben auch immer ein entscheidender Faktor, der in seinen Bildern nicht zu übersehen ist. Offenbar war dieses Bild deswegen auch für den Datenträger "Voyager Golden Record" der interstellaren Weltraumsonde Voyager von 1977 ausgewählt worden.

Der Techniker Krause ist zweifellos fasziniert von einem eher romantisch orientierten Naturverständnis. Er kombiniert das uralte Lochbildverfahren mit neuerer Technik und setzt normale Kleinbild-Kameras mit KB- Farbfilmen ein - so erzielt er ungewöhnliche optische Effekte, ohne auf den Komfort einer bedienerfreundlichen Technik verzichten zu müssen. Übrigens bringen es die langen Belichtungszeiten, mit denen er arbeitet, mit sich, dass vorbeihuschende, fahrende oder laufende Figuren einfach aus dem Bild verschwinden: Im alten Elbtunnel hatte er sich ein Fest angesehen, auf dem es nur so wimmelte von Ausflüglern - doch auf seinem Bild "Sonntags im Elbtunnel" sieht man nur die grünen Kacheln der unendlich langen Tunnelwände, ein schummriges Licht und zarte Streifen, die von den Bewegungen vorbeilaufender Besucher zurückblieben.

Volkmar Krause
Volkmar Krause teilt mit Adams auch das Faible für maximale Schärfentiefe: Auf den meisten Bildern kann man kleinste Objekte wie Steine oder Äste bis zum bewachsenen Ufer im äußersten Horizontwinkel erkennen. Nicht umsonst hatte Adams ja als Mitbegründer der fotographischen Künstlergruppe dafür die Bezeichnung für die kleinste Blende und die größte Schärfentiefe - nämlich "f/64" - gewählt.

Volkmar Krause stellt seine Arbeit mit der Lochbild-Kamera zwar gern als eher laienhaftes Herumprobieren dar, aber es ist natürlich viel mehr als das. Inzwischen ist er zum obersten "Obscuristen" und Lochbild-Experten avanciert, der seine betagten sechs Agfa-Optima Kameras selbst umgebaut hat und sogar zwei hochkomplizierte und anspruchsvolle Linhof-Studio-Kameras auf die Lochbildtechnik umstellte. Er entfernt das Objektiv, bohrt in den Bodydeckel entweder selbst ein Loch mit einem Durchmesser von 0,15 mm oder er kauft eine entsprechende Messingfolie mit der passenden Bohrung für rund zehn Euro im Internet. "Diesen Umbau kann jeder leicht bewerkstelligen", meint er, "auch deswegen, weil es inzwischen eine große Lochbild-Gemeinde gibt, die sich in web-communities Tips gibt. Man kann aber auch fertige Lochbildkameras wie etwa die chinesischen für rund 250 Euro im Internet kaufen. Das Angebot geht inzwischen weit über ein kleines Nischen-Sortiment hinaus, jetzt hat man sogar Mahagoni- und Edelholz-Varianten im Angebot, da ist dann auch für Anspruchsvolle und Luxus-Liebhaber etwas dabei."

Die durch die Lochbildkamera vermittelte Entschleunigung möchte Krause auf möglichst viele Bereiche unseres hektischen Alltags übertragen, um eine neue Sicht - sozusagen eine analytische Schärfentiefe - zu ermöglichen. Wie viel ihm diese Entdeckung der obscuristischen Langsamkeit bedeutet, ist schon daran erkennbar, dass er regelmäßig Lochbild-Kurse für Jugendliche in Schulen und sozialen Einrichtungen für Migranten abhält. "Die sind von dieser simplen, ungewohnten Technik absolut begeistert und genießen es auch, mit ihren selbstgemachten Bildern ein selbst verwirklichtes Erfolgserlebnis genießen zu können", erklärt er. Außerdem könne man nebenher auch gleich einige physikalische Grundlagen aus der Optik vermitteln und etwa erklären, weshalb ein fotografierter Gegenstand im Apparat auf dem Kopf stehend abgebildet wird: "Das wird ja heute im Unterricht kaum noch behandelt."
Er spricht begeistert von den "Obscuristen" und vom "obscurieren" und dabei merkt man dem Techniker an, dass die camera obscura immer noch ein gewaltiges Potenzial besitzt. So montierte er eine Lochbild-Kamera auf einen Fahrradlenker und war begeistert, als er nach einer längeren Nachtfahrt und einer Belichtungszeit von dreißig Minuten alle möglichen grüngelben, blauen und weißen Streifen und wildbewegte Schlangenlinien auf dem Bild "Nachtfahrt" entwickelt hatte. Den nächtlichen Straßenverkehr hatte er als dynamische Lichtreflex-Orgie eingefangen und sichtbar gemacht. Auch auf seinem Bild der umstrittenen Hamburger Straßenkämpfer-Hochburg "Rote Flora" ziehen sich diese Lichtreflexe als grüne Streifen mitten durchs Bild. Der heruntergekommene Bau ist allerdings aus einem schrägen Winkel so raffiniert angeschnitten, dass dies zusammen mit den Lichtstreifen für eine ungewöhnliche Lebendigkeit sorgt. Volkmar Krause ist jedenfalls immer gut für ein originelles Bild und für faszinierende Perspektiven, die zu einem neuen, tieferen Blick auf eine Szenerie verleiten.

In seinem historischen Überblick über die Geschichte der Lochbildkamera und in einer umfangreichen Literaturliste sind nicht nur Ratgeber und technische Handbücher verzeichnet, sondern auch wissenschaftlich-philosophische Studien über "die Metapher der Camera obscura bei Marx, Freud und Nietzsche" sowie der spannende Roman von David Knowles "Die Geheimnisse der Camera obscura". Offenbar ist der Amerikaner Knowles für ihn ein Bruder im Geiste, denn das Enträtseln der obscuristischen Geheimnisse hat sich auch Volkmar Krause immer noch zur großen Aufgabe gemacht.
Sein Interesse für die Fotografie und speziell für die Lochbildkamera geht übrigens auf eine zufällige Entdeckung während seiner Jugendjahre zurück, als er in der Nachttischschublade seines Vaters Fotopapier fand und dann genau verfolgte, was sein Vater alles mit einer alten Voigtländer-Kamera anstellte. Da dauerte es nicht lange, bis der 15-Jährige sich seine eigene Dunkelkammer baute und anfing, mit allen möglichen Kameras zu experimentieren und die Geheimnisse der Lochbildfotografie zu erforschen. Das macht er heute noch immer - mit derselben jugendlichen Begeisterung.


Autor: Peter Münder

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