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Im Gespräch mit der französischen Fotografin
Sarah Moons Modeaufnahmen tragen etwas Geheimnisvolles. Das Gesicht des Models ist zweitrangig, es geht ihr vor allem um die Form des Kleidungsstückes und um Themen wie Illusion, Entschwinden, Vergänglichkeit.

Sarah Moon

Im Jahr 1941 wurde Sarah Moon unter dem Namen Marielle Warin auf der Flucht ihrer Mutter vor den deutschen Truppen in Frankreich geboren, wuchs in der Schweiz, in Frankreich und in London auf und begann ihre Karriere unter dem Künstlernamen Marielle Hadengue zunächst als Model für die Haute Couture. In den 70er-Jahren fotografierte sie als erste Frau den Pirelli-Kalender. Aufträge für Chanel, Dior, Vogue und Elle folgten. Moon hat mit ihrem Stil wesentliche Einflüsse auf die sogenannte Mood-Fotografie gehabt. Heute lebt die Fotografin in der Nähe von Paris, lacht viel und ist weiterhin gern mit der Kamera unterwegs.


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Im Gespräch mit der französischen Fotografin

Sarah Moon


Model, Modefotografin, Märchenerzählerin. Man kann die französische Künstlerin Sarah Moon nicht in eine Schublade stecken, möchte es auch gar nicht. Wir haben sie anlässlich einer großen Ausstellung im Haus der Photographie/Deichtorhallen in Hamburg getroffen und mit ihr über das Flüchtige in ihren Bildern, den Reiz der Polaroid-Fotografie und ihre Affinität zur Zahl Fünf gesprochen.

Madame Moon, geht man durch die Hamburger Ausstellungsräume, fällt auf, dass die Gesichter der Models nur selten zu sehen sind.
Ich habe in meinem Leben im Rahmen von Auftragsarbeiten schon viele Gesichter fotografiert. Aber in den Bildern, die ich aufbewahre und zeige, geht es mir um den Bewegungsausdruck, um den Moment bzw. die Erinnerung an den Moment. Um die Spuren, die ein Mensch im Raum hinterlässt.

Über vier Jahrzehnte hat Sarah Moon einen eigenen, unverwechselbaren Stil geschaffen. Die Aufnahmen wirken zart und unheimlich zugleich, die Frauen so elegant wie zerbrechlich.

Das Entschwinden nimmt eine große Rolle in Ihrer Arbeit ein. Was fasziniert Sie so am Flüchtigen, schwer Fassbaren?
Das ist die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist trügerisch und schwer fassbar. Genauso wie das Leben, die Zeit, das Verschwinden. Fotografie als Prozess zu betrachten, mit dem die Zeit angehalten wird - ist das nicht entzückend? Plötzlich steht die Zeit still, und sei es nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Das erinnert mich an einen Satz der Schriftstellerin Susan Sontag: "Jede Fotografie ist eine Art memento mori. Fotografieren bedeutet Teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit."

Susan Sontag hat so viele schöne Sätze zur Fotografie gesagt. "Das unerbittliche Verfließen der Zeit" - wie wunderbar! Genau darum geht es mir in meiner Fotografie. (Sie zückt ihre Kamera.) Früher habe ich geschrieben, nun fotografiere ich. Sogar Zitate fotografiere ich (lacht und fotografiert die Sätze von Susan Sontag). Ich sollte wieder öfter etwas von ihr lesen.

Die Tiere in Sarah Moons Stillleben verkörpern für sie die "Wiederbelebung eines Lebewesens oder einer Bewegung".
Sie konfrontieren uns in Ihren Bildern immer wieder mit dem memento mori, von dem Susan Sontag schreibt. Und doch wirkt Fotografie bei Ihnen nicht wie ein rührender Versuch, das Leben an- und den Tod aufzuhalten ...
Das kann man auch gar nicht. Da sind wir wieder bei der Täuschung. Es ist ja nur eine Illusion der Fotografie, die Zeit anzuhalten. Ich habe zu diesem Thema gerade ein kleines weißes Buch gestaltet mit dem Titel "Where does the white go, when the snow melts?" Einige schreiben das Zitat Shakespeare zu, aber das scheint nicht belegt zu sein. "Was wird aus dem Weiß, wenn der Schnee schmilzt?" Für mich steckt in dieser Frage alles drin. Wenn du ein Positiv-Polaroid nicht fixierst, dann verschwindet es ja im wahrsten Sinne des Wortes von der Bildfläche. Für mich ist das Buch eine Metapher für die Vergänglichkeit. (Anm. d. Red.: Bei dem Buch handelt es sich um ein geschnürtes Paket mit Polaroids, die mit der Zeit verblassen.)

Und was bleibt, wenn sogar die Bilder verschwinden?
Die Erinnerung bleibt, zumindest für eine Weile. Bis auch sie verschwindet. Nein, eigentlich denke ich nicht an die Erinnerung, wenn ich fotografiere. Es ist eher eine Reaktion auf die Bewegung. Plötzlich kannst du etwas greifen, das eigentlich im Fluss ist - zumindest hast du die Illusion, es greifen zu können. Wenn ich fotografiere, habe ich nie das Gefühl, dass ich wirklich etwas fassen kann. Sobald ich einen Moment einfange, ist er bereits vergangen. Also mache ich weiter. Immer weiter.

Den vollständigen Artikel und weitere Bilder finden Sie in PHOTOGRAPHIE-ePaper-Ausgabe 03/2016.


Fotos: Sarah Moon
Autor: Jana Kühle

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